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Successity: Als diplomierte Betriebswirtin beschäftigen Sie sich mit Crossculture, d. h. Sie geben interkulturelle Seminare über Indien und den deutschsprachigen Raum und unterstützen Unternehmen, die ihre Produkte in den jeweiligen Ländern positionieren möchten. Wie ist es zu dieser beruflichen Ausrichtung gekommen?
Purvi Shah: Ende 2006 kamen immer mehr Menschen auf mich zu, die mir rieten, auf Grund meines indischen Ursprungs und der Tatsache, dass ich eine der indischen Hauptsprachen fließend spreche und mich bestens in der deutschen und indischen Kultur auskenne, interkulturelle Schulungen anzubieten. Natürlich gab und gibt es schon eine Reihe von Anbietern ähnlicher Schulungen auf dem Markt. Aber es kommt nicht so häufig vor, dass die Trainerin bzw. der Trainer aus der zu schulenden Kultur stammt und Mitarbeitern eines deutschen Unternehmens das Land authentisch so nahe bringen kann. Daher habe ich meine ursprüngliche Tätigkeit – das Organisieren, Planen und Durchführen von Events – in meine jetzigen Tätigkeiten integriert. Neben der interkulturellen Beratung unterstütze ich mit meinem betriebswirtschaftlichen Hintergrund und fundierten Marketingkenntnissen Unternehmen bei der erfolgreichen Positionierung ihrer Produkte in den jeweiligen Ländern.
Successity: Was sind nach Ihrer Ansicht die grundlegenden Unterschiede zwischen der indischen und der deutschen Gesellschaft?
Purvi Shah: Wenn ich alle Unterschiede hier aufliste, würde dieses sicherlich den Rahmen des Interviews sprengen. Nur so viel: Grundsätzlich handelt es sich bei der deutschen und der indischen Gesellschaft um zwei völlig gegensätzliche Formen. In Deutschland leben wir in einer individualistischen Gesellschaft, das bedeutet, dass die Vorstellungen von Familie, selbständigem Denken, Unabhängigkeit usw. eher das einzelne Individuum betreffen. In Indien lebt man in einer kollektivistischen Gesellschaft – also eher in einem familiären Verbund. Während in Deutschland in einem Haushalt im Durchschnitt drei Personen leben, sind es in Indien mindestens sechs Personen: Großeltern, Eltern, Kinder, Enkelkinder – sog. Joint-Families. Natürlich muss man auch hier die Entwicklung in den Großstädten beachten, in denen es eine Veränderung auf Grund der steigenden Anzahl unabhängig werdender Frauen gibt. Aber man darf nicht vergessen, dass Indien zu 80% aus ländlicher Bevölkerung besteht und Traditionen fest verankert sind.
Die kollektive Gesellschaftsform hat natürlich auch Auswirkungen auf das Ausbildungssystem und somit auch auf das Berufsleben. So basiert z. B. das Schulsystem in Indien auf Auswendiglernen und kollektivem Nachsprechen, was in Deutschland nicht der Fall ist. Aber auch in Indien wird das Schulsystem nach und nach reformiert und angepasst.
Successity: Worauf sollte ein deutscher Unternehmer in Indien und umgekehrt ein indischer Unternehmer in Deutschland besonders achten?
Purvi Shah: Beide sollten bezüglich der Kommunikation verstehen, dass es einen Unterschied zwischen direkter und indirekter Rede gibt. Die Inder fühlen sich oftmals zu sehr „angegriffen“ mit der deutschen Kommunikationsweise, und andersherum denken die Deutschen, dass Inder nie auf den Punkt kommen, nicht „Nein“ sagen können und viel um den heißen Brei herumreden.
Successity: Welche kulturellen Fettnäpfe sollten deutsche Unternehmer in Indien meiden?
Purvi Shah: Das Wort „Fettnäpfchen“ ist nicht immer richtig, denn wenn man etwas unbewusst macht, also ohne zu wissen, dass man etwas falsch macht, ist das nicht unbedingt ein Fettnäpfchen. Wie in ganz Asien gehört es z. B. auch in Indien zu Kultur, nicht mit der linken Hand zu essen. Nur in Hotels oder größeren privaten Haushalten wird Besteck verwendet. Sollten aber Europäer einmal in die Situation kommen, dass sie mit der Hand essen müssen, sollte sie darauf achten, nur die rechte Hand zu verwenden, da die linke Hand als unrein gilt. Ebenso sollte man die Fußsohlen nicht seinem Gegenüber zeigen. Füße gelten ebenfalls als unrein.
Successity: Die IT-Branche boomt in Indien. Welche Erfahrungen machen Sie mit „Offshoring“ – also der Auslagerung von Projekten nach Indien? Klappen hier die Zusammenarbeiten – zumal die Kommunikation in der Regel meist rein virtuell ist?
Purvi Shah: Viele meiner Kunden arbeiten in virtuellen Teams. Grundsätzlich funktioniert die Zusammenarbeit inzwischen ganz gut. Aber wenn ich so in die nahe Vergangenheit blicke, muss ich zugeben, dass das bei vielen nicht von Anfang an so war. Alle mussten erst aus Fehlern lernen und mit der Zeit und durch Sammeln von Erfahrung hat es immer besser geklappt. Außerdem haben Unternehmen, bei denen die Zusammenarbeit nun gut funktioniert, erkannt, dass eine virtuelle Zusammenarbeit alleine nicht ausreichend ist. Persönliches Kennenlernen ist sehr wichtig. So werden gerade in Indien viele Geschäfte auf Basis von Beziehung geschlossen.
Successity: Wo fühlen Sie sich persönlich mehr zu Hause – in Indien oder in Deutschland?
Purvi Shah: Ich habe das Glück, mir aus beiden Kulturen für mich das Positive herauszusuchen. Ich vergleiche die Kulturen gerne mit unterschiedlichen Betriebssystemen, wie z. B. Microsoft und Apple. In Deutschland habe ich das deutsche Betriebssystem an, und sobald ich in Indien bin, schalte ich auf das indische Betriebssystem um. Und dadurch, dass das sehr gut funktioniert, fühle ich mich in beiden Kulturen sehr wohl und zu Hause.
Successity: Ist es nicht schwierig, immer zwischen zwei kulturellen Stühlen zu sitzen? Was schätzen Sie an Ihren beiden Heimatländern?
Purvi Shah: Als Kind war es sehr schwer. Dadurch, dass ich eine sehr indische Erziehung genossen hatte, wollte ich natürlich einerseits meinen Freunden und andererseits meiner Familie gerecht werden, was automatisch zu Konflikten auf beiden Seiten führte. Da ich nun meine „Identität“ gefunden habe, kann ich das Positive aus beiden Kulturen sehr gut leben. In Deutschland schätze ich die Unabhängigkeit, in der man leben kann. In Indien schätze ich den Zusammenhalt in der Familie und die Ungezwungenheit, wie man dort miteinander umgeht. So muss man z. B. in Indien mit Familie und Freunden keine extra Termine ausmachen, um sich zu treffen. Man kommt einfach vorbei.
Inzwischen schätze ich auch die oft beklagte Direktheit in Deutschland. Auch ich musste umdenken, denn meine Kommunikation war sehr indirekt. In Indien weiß man, wenn man mit der indirekten Kommunikationsform vertraut ist, was eigentlich gemeint ist.
Successity: Was halten Sie vom virtuellen Networking?
Purvi Shah: Ich bin ein absoluter Fan davon. Es gibt sehr viele Plattformen, die es ermöglichen, „erste Kontakte“ zu knüpfen. Ich habe dadurch schon viele wertvolle Kontakte - beruflich wie auch privat – aufbauen können. Für mich bieten diese Portale in erster Linie sehr gute Möglichkeiten zum Stöbern und der Aufnahme von Erstkontakten – wobei ich ergänzen muss, dass das virtuelle Networking nicht das persönliche Networking ersetzen kann.
Successity: Was sind Ihre beruflichen Ziele?
Purvi Shah: Ich sehe meine Berufung in der Vermittlung zwischen den beiden Kulturen. Mit den interkulturellen Beratungen habe ich den ersten Schritt gemacht. Und schon in naher Zukunft werde ich meinen Geschäftszweig erweitern und ein Büro in Mumbai/Indien eröffnen, um für meine Kunden vor Ort mit meiner Dienstleistung zu Verfügung zu stehen. Marktforschung, Marketing und Vertrieb von Produkten lassen sich nicht aus der Ferne durchführen. Des Weiteren habe ich das Magazin „Crossway“ ins Leben gerufen, das die deutschen und indischen Geschäftsleuten aus beiden Ländern näher bringen soll. Die erste Ausgabe ist auf meiner Website unter http://livingevent.de/de.leistungen-projekte.php zu finden und downzuloaden. Das Portal möchte ich gerne erweitern.
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